Chronologie (m)eines Wunders

Ich bin kein religiöser Mensch. Bin ich nie gewesen. Wenn jemand seinen Glauben hat, respektiere ich das – zumindest so weit ich es irgendwie nachvollziehen kann. Ich habe auch meine katholische Ex-Frau viele male in die Sonntagsmesse begleitet, und das ganze hatte schon irgendetwas erhebendes. Aber wiederum nicht so sehr, das ich dem irgendetwas metaphysisches hätte beimessen können. Also kurz: Wenn jemand seinen imaginären Freund hat, soll mir das recht sein – ich respektiere das. Missionieren lass´ ich mich aber nicht.

Als ich im Juli 2012 nach Bandscheiben-OP und anschließender Reha wieder mit der Arbeit anfing, profitierte ich wohl noch von dem emotionalen Aufwind, keine Schmerzmittel mehr wie Bonbons nehmen zu müssen, mich wieder recht normal bewegen zu können, wieder sitzen und liegen zu können. Meine psychische Situation hatte sich zwar nicht geändert – ich hatte noch die selben psychischen Probleme wie vorher, aber ich hab sie noch nicht wieder wahrgenommen. Meine Betriebsärztin war da allerdings etwas schlauer und hat mich gebeten, doch mal mit unserer Betriebspsychologin zu reden. Die Nummer lag fortan dann etwa 3 Monate auf meinem Schreibtisch, und jedes mal wenn sie in mein Blickfeld huschte, sagte ich mir: Ja, da musst du auch noch anrufen. Morgen vielleicht.

Ich ging jeden Tag zur Arbeit, habe mich da vor meinem Feierabend versteckt und alles außer der Arbeit ignoriert. Schließlich kann ich ja nichts dafür, wenn ich zu nichts komme – so wie aufräumen, Post öffnen, Haushalt machen, etc. – wenn ich einfach zu viel zu tun habe, oder? Da kann ich ja nix für – da sind schließlich die anderen Schuld!

Das ging dann auch bis zum Oktober 2012 irgendwie gut. Bis dann eine echt böse Nachricht an meiner Tür hing. In der folgenden Nacht habe ich praktisch gar nicht geschlafen. Als ich irgendwann zwischen den kreisenden Gedanken, wiederholten überlegen, ob die Bahngleise nicht die bessere Alternative sind und ärger, das die AKN nachts nicht fährt einen klaren Gedanken fassen konnte, habe ich etwas getan, was ich schon längst hätte tun sollen: Ich habe mir mein Handy geschnappt und unserer Betriebspsychologin eine lange, lange Mail geschrieben. Ich habe ihr geschrieben, wie meine momentane Lage ist, ich habe geschrieben, was mir alles auf der Seele brennt und mir so an wirrem Zeug durch den Kopf geht. Eigentlich spiegelte sich aber in jedem Satz nur ein Wort wieder: HILFE!

Prompt rief sie mich auch am nächsten Morgen an – und bestellte mich zu sich. Wir haben lange geredet – und nachdem sie sich davon überzeugt hatte, das meine Suizid-Absichten wirklich nicht konkret waren, das ich sogar Angst davor hatte, legte sie mir nahe, mir etwas Ruhe (also Krank) zu gönnen. Ich bat sie jedoch, das nicht zu tun – Arbeit war das einzige, was mich zu der Zeit noch halbwegs abgelenkt hatte. Sie wolle sich umhören – auf jeden Fall hielt sie eine Therapie in Form eines Klinik-Aufenthaltes für dringend angeraten. Als ich ihr Büro verlassen hatte, überkam mich tatsächlich das Gefühl: „Jetzt wird alles gut!“ Zwischendurch hatten mein Kollege und mein Chef allerdings mitbekommen, wo ich war. Und denen hatte ich dann die Kurzfassung gegeben: Das ich einfach nicht mehr zur Ruhe komme.

Es folgten dann noch ein paar Termine mit der Psychologin – und schließlich rief mich auf ihr Anraten Frau G. aus der Psychosomatischen Klinik Eilbek an. Wir haben – was für mich sehr untypisch ist – sehr lange telefoniert. In dem Gespräch versuchte sie dann, auszuloten, wie ernst es um mich bestellt war. Sie kam auch zu dem Schluss, das ich dringend in Behandlung sollte – und lud mich zu einem „Kennenlernen-Treffen“ in der Tagesklinik am folgenden Freitag ein.

Bei dem Treffen erlebte ich meine erste Überraschung. Ein bestimmter Typ der Leute, die „einen an der Klatsche“ haben, war nicht auszumachen. Offenbar gab es keine Schublade, in die ich mich mit reinlegen konnte. Arbeitslos und Berufstätig, Jung und Alt, Männlein und Weiblein, Schlipsträger und Outlaw – da war jeder vertreten. Frau G. und ihre Assistentin stellten uns dann die Einrichtung vor. Da dies ein Tagesklinik war, gab es da keine Betten – und um die Zeit auch keine Patienten mehr. Die kommen morgens gegen 8:00 in die Klinik – und dürfen um 16:00 wieder nach hause. Jeder Tag beginnt und endet mit einer Runde, in der jeder seine momentane Verfassung kund tut und den Tag noch einmal Revue passieren lässt. Da zwischen folgen dann die Therapien – Kunsttherapie, Gesprächstherapien, Gruppentherapien, Einzeltherapien, Entspannungsübungen und viel Zeit für Gespräche mit anderen Patienten, Spaziergänge und dergleichen mehr.

Darauf folgte wieder eine Phase, in der ich mich in die Arbeit flüchten konnte. Ich hätte bloß noch jemanden anrufen müssen – der Zettel lag lange auf meinem Schreibtisch – aber ich hatte was getan, die Dringlichkeit war wieder verflogen. Ich flüchtete in die Arbeit, ignorierte mein Privatleben weiter und so hätte es dann weiter gehen können. Die Beziehung zu meiner Freundin litt immer mehr darunter – obwohl ich versuchte, sie da weitest gehend von abzuschirmen. Als sie wieder einmal darum bettelte, ich solle sie nicht ausschließen, erzählte ich ihr ein wenig. Meinen Angst-Attacken, meiner Unruhe, meinen Suizid-Gedanken. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Sie zog das ganze ins lächerliche, machte sich darüber lustig und trieb in die Kluft, die ich zunehmend zwischen uns fühlte, einen weiteren Keil. Beim Depressions-Bullshit-Bingo hätte sie vermutlich gewonnen.

Es folgte die Vor-Weihnachtszeit, in der sich ja alle lieb haben und Friede auf Erden und überhaupt. Ich empfand das als schlimme Zeit – weil sich der Frieden überhaupt nicht mit meinem Empfinden decken wollte. Gefühlt stand jeden Tag das Schicksal vor der Tür und hat mir wieder einen in die Fresse gegeben.

Wird fortgesetzt ….

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