Verständnis … ?!

Verständnis ist etwas schönes. Gerade für depressive, oder allgemeiner psychisch Erkrankte Menschen. In der Klinik war Verständnis der Kitt, der uns zusammen hielt. Wir bekamen Verständnis von den Pflegekräften, von den Therapeuten, von den Mitpatienten. Man konnte jedem etwas von seinen Problemen erzählen, wenn man sich überwinden konnte. Und erhielt als Dank dafür, das man jemandem seinen ganz Persönlichen Splitter im Fleisch offenbarte, …. Verständnis. Kein Hinterfragen, kein „Stell dich nicht so an!“, keine Rechtfertigungen – egal, wie „merkwürdig“ oder „banal“ die eigenen Probleme waren. Jeder hatte sein eigenes Problem, und Verständnis war die Hängematte, in die man sich fallen lassen konnte. Eine Hängematte, gewoben aus Offenheit, Anteilnahme, Hilfsbereitschaft und vielleicht ein wenig Freundschaft und Erlösung. In die man sich fallen lassen konnte und im Gegenzug ein paar warme Momente der Gelöstheit und Freiheit verspürte.

Jeder hatte so einen Dorn im Fleisch sitzen, manche vielleicht auch mehrere.

Da gab es Anni, eine warmherzige und fröhliche Person – wenn sie sich aus ihrer Trauer lösen konnte. Für die ein alltäglicher Gang zum Supermarkt eine schier unüberwindliche Hürde darstellte.

Oder Ole, ein durchtrainierter, sonnengebräunter Sunny-Boy. Den man sich eher mit einem Surfbrett oder ein paar Strand-Schönheiten im Arm vorstellen konnte. Aber er kam mit dem menschlichen Elend und der Arbeitsbelastung in seinem Job als Krankenpfleger nicht mehr klar.

Oder Inge, die die Monate bis zum Beginn ihres Ruhestandes zählte. Und die man mit ihrem ordentlichen Maß an Witz und Schlagfertigkeit als völlig stabile Person bezeichnen mochte. Und doch kam sie mit dem Mangel an Wertschätzung auf ihrer Arbeit nicht mehr klar.

Oder Krissi, eine humorvolle Person in einer glücklichen Beziehung, die im Kampf mit ihren Ängsten und Selbstzweifeln zunehmend den kürzeren Zog.

Oder Peter – der hinter seiner Maske aus Coolness und Überlegenheit eine tiefe Traurigkeit vermuten ließ.

Oder ich. Der sich zunehmend in die Arbeit flüchtete, weil das Privatleben zunehmend belastender wurde. Der Panikattacken bekam, wenn das Telefon klingelte oder er in die nähe seines Briefkastens kam. Der beinahe, für eine kurze Weile, Vater geworden wäre – bis seine Freundin eine Fehlgeburt erlitt. Der sich zunehmend isolierte, den Kontakt zu Familie und Freunden einschlafen liess und darüber nachdachte, ob die Zukunft auf den Bahngleisen nicht doch der einzige Weg zur Erlösung sind. Der zwar ständig sein Smartphone in der Hand hatte – aber von Zweifeln überflutet wurde, wenn er irgendjemanden anrufen sollte.

Und noch viele andere. Interessante, humorvolle, warmherzige, hilfsbereite, traurige, resignierende, verzweifelte, ängstliche, einsame Menschen aller Altersklassen, ob mit Job oder Ohne, mit Familie oder ohne, die sich für Pflegebedürftige Angehörige aufopferten obwohl sie es verlernt hatten, sich um sich selbst zu kümmern und dergleichen mehr. Sie alle hatten die gleichen Plagegeister. Depression war der Alltag; Angst, Verzweiflung, Panik die ständigen Weggefährten und für einige Familie oder Freunde, für andere die mögliche Aussicht auf Suizid die letzte Stütze, die einen die ganzen Lasten noch ertragen ließ.

Aber wie macht man so etwas jemand Außenstehenden klar?

Die Depression ist eine psychische Krankheit. Man hat kein Pflaster, keinen Verband und keinen Gips, der aller Welt verkündet: Der ist Krank. Die Krücken tragen die Namen Paroxetin, Doxepin und viele mehr. Der Verlauf kann durchaus Tödlich enden – ebenso tödlich wie ein stolpern auf der Strasse, ein Sturz von einer Brücke, ein Schnitt durch die Pulsadern oder eine Kugel in den Kopf. Eine Heilung ist unwahrscheinlich, aber man kann mit entsprechender Hilfe lernen, damit zu leben. Eine Rückfall-Wahrscheinlichkeit ist hoch und Freundschaft, Verständnis, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft sind die Rettungsringe, die einen in den Fluten über Wasser halten.

Die Depression lässt sich nicht wegdiskutieren und mit leeren Phrasen wie „Stell dich nicht so an!“, „Das mache ich auch nicht so gerne!“, „Da muss man eben mal durch!“ macht man es eher schlimmer. Jemand, der ein gebrochenes Bein hat, sieht man an, wie er sich abmüht, den Alltag zu meistern. Bei einem depressiven Menschen ist jeder Tag aufs neue ein Kampf gegen die Resignation, jede Handlung eine Überwindung gegen die Angst und jeder Gedanke ein Kampf gegen die Zweifel. Das fängt beim Aufstehen an und hört mit dem zu Bett gehen noch nicht auf. Und doch hat er zwei Gesunde Arme und Beine.

Wie man Menschen, die sich gezwungen sehen, alles verstehen zu wollen und alles zu hinterfragen, unfähig etwas als gegeben hinzunehmen, so etwas nahe bringt weiß ich leider nicht. Wie man jemandem etwas vermittelt, was man selbst nicht versteht – obwohl man möglicherweise schon sein ganzes, verdammtes Leben in zunehmendem Maße darunter leidet? Wie vermittelt man die Überwindung und Selbstzweifel, die jede Handlung begleiten, jedes Fünkchen Initiative versuchen, zu ersticken? Die Unsicherheit, was Depression und was ich ist – und man möglicherweise an seinem ganzen leben zu Zweifeln beginnt – Weil es keinen Schlagbaum gibt, wo die Depression endet und das eigene Ich anfängt.. Wo man selber doch als einzigen Schutz einen schweren Schild mit der Aufschrift „Erkenntnis“ hat, der aber alleine kaum zu halten ist.

Wenn man Glück hat, hat man Freunde. Freunde, die einem Verständnis entgegen bringen. Freunde, die einem mindestens so vertrauen, das sie die Krankheit als solche wahrnehmen. Oder die sie im eigenen Umfeld erleben mussten. Oder sogar am eigenen Leib.

Das sind die Menschen, die die Hängematte flechten. In die man sich fallen lassen kann um ein paar Momente der Geborgenheit, des Vertrauens und der Freundschaft zu empfinden. Und einen Hauch von der Normalität der Freiheit.

Tomate, Rico & Tina, Biene & Biene, Rea, Kathi …. ihr seid Wunderbar, und dieser Artikel ist für euch.

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3 Gedanken zu “Verständnis … ?!

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