Emotionale Zombies …. ?

So, zweiter Versuch – nachdem eine unausgereifte App meinen ersten Text in den ewigen Datenhimmel geschickt hat :-/

Ich hab lange über einen „schmissigen“ Titel nachgedacht – und viele Ideen verworfen. Zombie trifft es vielleicht immer noch nicht – aber passen tut es allemal. Der Song „Eiszeit“ von Eisbrecher trifft es vielleicht noch besser:

Die Kälte zieht in alle Knochen
Und die Glieder werden schwer
Sie haben mir mein Herz gebrochen
Es schlägt, doch es lebt nicht mehr

Natürlich ist es nicht so, das ich keine Emotionen habe – bei meinen Mitmenschen kann ich außerordentlich mitfühlend sein, aber oft fehlt mir die Möglichkeit, gerade stärkere Emotionen auszudrücken. Oder sogar, diese wahrzunehmen. Ich will nicht behaupten, das ich seelischer Mülleimer für meine Bekannten bin – aber wenn jemand Rede-Bedarf hat, höre ich gern zu – und versuche auch, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen. Manchmal sogar noch etwas weiter.

Vermutlich habe ich viel Zeit aufgewendet und um mich herum eine Festung errichtet, die mich vor Sachen wie Leid und Trauer abschirmen sollte. Und das ist mir vermutlich besser gelungen als geglaubt. Ich funktioniere. Nur wirklich Leben, das habe ich nicht mehr getan. Ich habe es meinen Therapeutinnen in der Klinik zu verdanken, das zumindest ein kleiner Riss in den Festungsmauern entstanden ist – und das ist die Geschichte dazu ….

Bei einer Gruppentherapie sollten wir Probleme aufschreiben – ich habe auf meinen Zettel „Nieder mit der Gleichgültigkeit“ und noch irgendetwas geschrieben, das mir momentan leider entfallen ist. Wir haben den Zettel auf den Boden gelegt – offen oder verdeckt, jeder wie er mochte. Ich habe meinen offen hingelegt. Es war mir Gleichgültig, ob das wer liest. Anschließend sollten wir uns im Raum bewegen – auf unseren Zettel (Problem) stellen, etwas im Raum umherwandern – einfach fühlen, wie sich unser Problem aus einer anderen Perspektive anfühlt. Ich habe allerdings gar nichts wahrgenommen – es war mir gleichgültig. Immerhin lag da ja bloß ein Blatt Papier auf dem Boden, beschrieben mit blauem Buntstift.

Anderen erging es allerdings nicht so – eine Mitpatientin (wir nennen sie mal Karin) stand im Türrahmen, zitterte am ganzen Körper und Tränen liefen ihr aus den Augen. Ihr war anzusehen, das sie am liebsten auf den Flur gerannt wäre – mindestens. Sie tat mir in dem Moment unendlich Leid – und am liebsten hätte ich sie in den Arm genommen und getröstet. Ich hätte vielleicht nicht mitheulen können – aber ein leichtes Brennen hatte ich schon in den Augen. Das trösten hat dann die Therapeutin übernommen, ich habe mich nur gewundert – ich konnte mit Karin (die ich gerade mal ein oder zwei Wochen kannte) sehr gut Mitfühlen. Aber meine eigenen Probleme? Die waren egal. Unwichtig. Bin ich Emotional abgestumpft – Blind gegenüber meinen eigenen Problemen? Immerhin war ich ein paar Wochen vorher noch so weit gewesen, das es mir völlig gleichgültig war, ob ich am Leben bin oder nicht. Ich weiß es einfach nicht.

Ein paar Tage später hatten wir – bei der selben Therapeutin – eine andere Übung. Wir sollten die Augen schließen, uns Entspannen … und hat uns eine Geschichte vorgelesen ….

In der Geschichte ging es um´s loslassen ….. wir gingen über einen Strand, stießen auf verschiedene Gepäckstücke, in die wir unsere Vorurteile, schlechte Angewohnheiten, belastende Erinnerungen und dergleichen herein legten. Anschließend luden wir die Gepäckstücke auf ein Ruderboot, welches auch am Strand lag. Bis zu diesem Punkt war die Übung noch harmlos.
Es blieb aber noch Platz auf den Bänken im Boot … und so sollten wir auch Menschen in das Boot setzen, die wir nicht mehr in unserem Leben haben wollten. Da ich mich zwei Wochen zuvor gerade von meiner Freundin getrennt hatte, setzte ich sie also mit ins Boot – mit ihrem Sohn im Arm. Und anschließend gaben wir dem Boot einen Schubs und ließen es aufs Meer hinaustreiben, dem Mond entgegen. Wie ich dieses Bild vor meinem inneren Auge hatte, fingen meine Augen an zu brennen …. Und ich bemerkte, wie eine einzelne Träne aus meinem Augenwinkel kullerte und mir die Wange hinab gelaufen ist. So hatte ich zumindest das Gefühl, das irgendwo in mir doch noch so etwas wie Gefühle schlummern – und das gab mir wieder etwas Auftrieb. Mit einem mal sah die Welt nicht mehr ganz so Grau aus. Es kehrte wieder etwas Farbe in mein Leben.

Nach der Therapie-Stunde habe ich mich bei der Therapeutin bedankt und sie um eine Kopie der Geschichte gebeten (die Poste ich ein anderes mal). Vermutlich wäre ich sogar auf die Knie gefallen und hätte ihr die Füsse geküsst, wenn wir nicht gerade über den Flur gelaufen wären. Es ist selbst jetzt – beim Tippen – noch ein komisches Gefühl. Und auch jetzt habe ich zumindest noch ein leichtes Brennen in den Augen. Aber mit jeder weiteren Zeile fällt es leichter und ich komme einem Abschluss näher. Angefangen habe ich diesen Eintrag in Juni – und jetzt, fast Ende August, kann ich den wohl endlich veröffentlichen.

Auch jetzt ist es noch schwer, so etwas wie Gefühl in mir zu entdecken. Es erfordert viel Konzentration und Kraft, sich wirklich Achtsam zu verhalten. In der Wespe, die über meinen Fuss krabbelt, nicht nur eine Bedrohung zu sehen, die möglichst schnell ausgeschaltet werden muss – sondern zu spüren, wie ihre kleinen Beinchen und Fühler die Haut kitzeln. (Nach dem ich aufgeraucht hatte, hab ich sie aber verscheucht 🙂 ). Oder der Wind, der am Abend eines heißen Sommertages aufkommt, auf der Haut zu spüren. Spüren, wie er einen leichten, kühlen Schauer über den Rücken zaubert. Oder auch, wie man an einem schönen Tag am Strand liegt, den heißen Sand unter den Fuß-Sohlen spürt und die Sonnenstrahlen die Haut brennen lassen und bunte Muster auf die geschlossenen Augen zaubern.

So selbstverständlich sich das vielleicht anhört: Alles das kostet Kraft – und viel Überwindung. Warum soll man rausgehen – wo man zu Hause doch WLAN, kalte Getränke und Schatten hat? Warum soll ich ins Café gehen – wo ich doch auch zu Hause Kaffee habe? Warum Radfahren oder Walken gehen – wenn ich doch zu Hause Gymnastik machen kann, oder WiiFit? (Nein, ich habe keine Wii) ….

Die Schritte in die Gleichgültigkeit fallen leicht. Vielleicht ist man sogar Stolz darauf, das man gegen sich selbst hart sein kann – aber die Welt um einen herum verliert auch immer mehr Farbe und versinkt im Grau. Bis man irgendwann feststellt, das man seinen Weg verloren hat. Hobbys? Freunde? Familie? Sachen, an denen man immer Freude hatte? Freude – Was ist das? … Alles egal. Man existiert – aber man lebt nicht mehr.

Freunde und Familie – die sorgen sich möglicherweise um einen. Sie versuchen möglicherweise sogar, das „Sorgenkind“ aus seiner selbstgewählten Isolation herauszuholen, aus seiner Lethargie zu reißen. Aber all das wird zunehmend als Belastung wahr genommen. Und irgendwann ist es soweit, das man Panik-Attacken bekommt, sobald das Telefon klingelt. Alles mag sich unverständlich anhören – aber das „Sorgenkind“ fühlt sich bloß belastet und in eine Ecke gedrängt. Und reagiert. Mit noch mehr Gleichgültigkeit.

Der Rückweg ins Leben fällt sehr viel schwerer. Mit seinen Freuden – und seinen Belastungen. Mit Gefühlen – positiven wie negativen. Mit Menschen – die man mag, aber auch denen die man nicht mag. Mit der Therapeutin aus den Übungen hatte ich noch ein längeres Gespräch – sie erzählte mir, das ich vermutlich auf einem riesigen Tränensee sitze. Aber damit die Trauer herauskommen kann muss die Depression weichen – welche mich aber vor der Trauer schützt. Wie ich diesen Kreis durchbrechen kann? Ich habe keine Ahnung – das war in Equilibrium irgendwie einfacher, seine Emotionen zurück zu bekommen.

So … der Text ist jetzt leider etwas länger geworden als geplant. Zum Schluss hat meine Muse anscheinend doch noch mit mir gesprochen 😀
Aber wer es bis hier hin geschafft hat – der darf auch gerne noch einen Kommentar zurück lassen – Ich würde mich tatsächlich freuen. Zumindest ein kleines bisschen ;o)

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2 Gedanken zu “Emotionale Zombies …. ?

  1. Ein toller Eintrag, der wohl das eine oder andere aus Deiner Sich verstehen lässt und ich hoffe das der eine oder andere in bestimmten Situationen vielleicht etwas mehr Geduld mit Dir haben werden. Mach weiter so und irgendwann wirst Du die Welt wieder Bunt sehen in all Ihrer Farbenpracht.

    Liebe Grüße

    Bianca

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