Das Lexikon-Syndrom ….

… neudeutsch auch gerne Wikipedia-Syndrom genannt.

Als ich so langsam realisiert hatte, was ich mir mit meiner Depression so angelegt hatte, kam die erste Sinnkrise. Wenn ich mein Leben so durchgeblättert habe, kam ich zwangsläufig zu der Frage: Was war denn überhaupt noch ich – und was die Depression? Welche Entscheidungen habe ich getroffen – oder nicht getroffen? Und welche hat die Depression für mich entschieden? Es ist natürlich praktisch, etwas nicht greifbares wie Depressionen oder Angstzustände zu haben, denen man praktisch die Schuld für so ziemlich alles zuschieben kann.

„Ich kann nix dafür – das war die Depression! Ehrlich!!“

 

Irgendwie kenne ich das von früher – wenn man mal ein Medizin-Lexikon durchgeblättert hat, weil man sich über etwas informieren wollte – dann wurde man zwangsläufig mit jedem Absatz kränker, weil die Erkältung geistig gerade in der Metamorphose zur Lungenentzündung war. Beipackzettel sind auch so ein Fall – seit dem ich Anti-Depressiva nehme, habe ich aufgehört, die Dinger zu lesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man unter eingebildeten Nebenwirkungen leidet ist einfach zu hoch. Ich habe das Glück, das ich mit Nebenwirkungen keine Probleme habe – und die Wirkungen möchte ich nicht missen, getreu dem alten Motto der EDV:

„Never change a running system!“

 

Seit dem ich mit meinem Blog und Twitter angefangen habe, habe ich viele tolle Menschen kennen gelernt. Nicht nur „normale“ oder Depressive – auch Menschen mit vielen, anderen Psychischen Problemen – ob nun Autismus, Borderline oder andere. Natürlich informiere ich mich dann darüber – und schon geht das Spielchen wieder von vorne los. Je mehr ich mich informiere, desto mehr denke ich: „Ohhhh …. Das passt ja auch …. Und das auch …. Hmmmmm…..“

Gerade psychische Störungen zeichnen sich dadurch aus, das man ja nicht einfach irgendwo drückt, um festzustellen, wo es weh tut. Oder man einen Bluttest macht, um zu sehen, ob da was ist, was da nicht sein sollte. Oder man eine Gewebe-Probe ans Labor schickt, um dann eine Woche zu warten um festzustellen, dass man rein Garnichts hat. Bei der Psyche ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Betroffene der letzte ist, der bemerkt dass da etwas nicht in Ordnung ist.

„Was denn mit dem Los? Der tickt wohl nicht ganz richtig ….“

 

Außenstehende mögen bemerken, dass jemand sich gehen lässt, sich um nichts mehr kümmert oder plötzlich reizbar und aggressiv reagiert- obwohl er vorher die Ruhe in Person war. Der Betroffene selber – der merkt das nicht unbedingt. Vielleicht versucht er bloß, sich noch irgendwie zu schützen, sich sein letztes bisschen Ruhe zu retten – getrieben von Angst, Panik, Sorgen oder einfach nur noch blinder Gewohnheit. Andere mögen bemerken, dass sich jemand irrational verhält – der Betroffene selbst nicht. Egal, wie Irrational – der Betroffene hat seinen Grund. Er hat ihn, wenn er vermeintlich wichtige Sachen ignoriert, scheinbar banale Tätigkeiten nicht mehr ausführen kann oder sein Umfeld verkümmern lässt. Und er hat ihn auch gehabt, wenn er freiwillig aus dem Leben geschieden ist.

„Ach … Stell dich nicht so an!“

 

Vielleicht lebt es sich entspannter, wenn man lernt die Depression als Teil seiner Persönlichkeit zu akzeptieren. Lernt, zu erkennen wann die Depressive Seite wieder anfängt überhand zu nehmen und dabei ist, den Verstand mit Furcht, Panik und Gleichgültigkeit zu überziehen. Schließlich hat die Depression mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Da sind viele Sachen, auf die ich gerne verzichtet hätte – aber auch sehr viele, die ich nicht missen möchte. Zumindest hat mir das ganze einen Teil des Lebens offenbart, den ich vorher nie bewusst wahrgenommen hatte. Vielleicht ist die Depression so etwas wie meine „dunkle Seite“ – aber das besagt nur, das es auch noch eine „helle Seite“ gibt.

Ohne Licht keinen Schatten – und in der Depression ist ohnehin alles Grau …..

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2 Gedanken zu “Das Lexikon-Syndrom ….

  1. Lieber Mark,
    ohhh (<- Absicht 😉 ) wie "gerne" ich deinen Bericht gerade gelesen habe. Bei dem Absatz mit den tollen Menschen, die du durch die Depression bzw. twitter kennengelernt hast, musste ich grinsen, denn auch ich möchte das Social Web nicht mehr missen. Klar, es hat seine Nachteile, aber das lassen wir jetzt einfach mal so dahingestellt. Es ist wirklich unglaublich, wie sehr diese Menschen, die du nur über das Internet kennst, mit dir mitfiebern, dich anspornen, ein kleines bisschen auffangen und gut zureden, wenn das Leben einfach so spielt wie es spielt. Auch bei deinem letzten Absatz stimme ich dir voll und ganz zu: Akzeptieren und erkennen, dass es da auf jeden Fall eine helle Seite geben muss, wenn es auch die "Böse" gibt.

    Fühl dich lieb umärmelt und gedrückt, vom twitter-Brösel 🙂

    • Huhu Bröselchen,
      Das geht runter wie Öl – und bedeutet mir echt viel ❤ Nicht nur, das du dich hierher verirrt hast – ohne dich hätte es diesen Blog vermutlich nie gegeben …. O_O
      Irgendwann im Mai bin ich über deinen VideoBlog gestolpert, in dem du über Kathrin Weßlings Drüberleben gesprochen hattest – darüber bin ich dann auf ihrem Blog gelandet und selber auf die Idee gekommen, über das Thema zu schreiben.
      Danke für deine lieben Worte – das gibt Motivation, weiterzumachen. Und fühl du dich auch mal geherzelt ❤ 🙂

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