Was wäre, wenn ….

Nein, keine Panik – das wird kein wehleidig-sentimentaler Artikel. Zumindest nicht Hauptsächlich. Eigentlich neige ich nicht mehr dazu, der Vergangenheit nachzuhängen, radikale Akzeptanz kann ich – teilweise zumindest – recht gut. Aber momentan tu ich mich schwer damit. Und das hat natürlich auch einen Grund ….

Anfang Oktober hatte meine Therapeutin ja angefangen, mit mir den SKID-II Fragebogen durchzunehmen – der mich anfangs schon ein wenig durcheinander gebracht hat. Aber dank einiger Mitblogger bin ich gut drüber hinweg gekommen – Das mir ein paar Latten am Zaun fehlen wusste ich ja eh schon. Ob es nun eine mehr oder weniger ist … wer zählt das schon? Nun, dabei herausgekommen ist unter anderem ein starker Hang zum Ängstlich/Vermeidenden (-> Angststörung) und ein starker Hang zum Depressiven (das waren nu keine Überraschungen)  aber auch ein leichter Hang zum emotional-instabilen (-> Borderline). Das hatte ich zumindest vermutet. Ich hätte aber auch damit leben können, mal nicht recht zu haben. :-S

Im weiteren Gespräch kamen wir dann noch mal auf Konzentrationsstörungen zu sprechen – und sie fragte mich, ob ich so was während der Schule schon gehabt hätte. Ich habe nicht gerade ein Elefantengedächtnis einen Kopf wie ein Sieb, aber ich meinte mich zu erinnern, da wäre mal was gewesen. Also bat sie mich, meine Schul-Zeugnisse doch mal mitzubringen … Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme, Motivationsschwächen … das klang für sie doch etwas nach ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom).

Immerhin wusste ich noch genau, wo die Zeugnisse sich befinden. Ich hab sie mir seit meiner Lehre im Jahre des Herrn 1991 nicht mehr angesehen … aber das habe ich dann mal nachgeholt. Und mir blieb doch die Spucke weg …. Mal ein paar Zitate:

Klasse 1:

Manchmal kann Mark sich nur schwer auf den Unterricht konzentrieren …. ermüdet nach kurzer Zeit und träumt vor sich hin … Arbeitet sehr langsam und bringt seine Arbeit nicht zu ende … Mit neu eingeführten Mathematik-Aufgaben tut er sich noch schwer und muss sie noch einmal erklärt bekommen …

Ich spare mir mal den Rest. Solche oder zumindest ähnliche Aussagen habe ich in jedem Zeugnis gefunden. Die ganze Grundschule hindurch – die ich mit einer (bedingten) Empfehlung für das Gymnasium verlassen habe. Allerdings dann weiter zur Realschule.

Klasse 5

Mark muss sich mehr auf das Unterrichts-Geschehen konzentrieren. Er sollte sich und andere nicht ablenken. Hausaufgaben und Unterlagen dürfen nicht vergessen werden.

Klasse 6

Leider schlugen alle Bemühungen fehl, Mark zu mehr Fleiß anzuhalten. Seine Bequemlichkeit (Faulheit) führte zu einem weiteren absinken seiner Leistungen. … Dabei erfasst Mark Probleme schnell und trägt zur Lösung bei, wenn er mitarbeitet. Meistens aber erscheint er unbeteiligt, träumt oder beschäftigt sich mit anderen Dingen. …

Und so weiter, und so weiter. Bis zur 10. Klasse – mit verschiedenen Lehrern. Eine Klasse wiederholen musste ich nicht, ich bin auch auf der Realschule geblieben. Aber mittlerweile frage ich mich trotzdem: Hätte vor 30 Jahren nicht schon mal jemand auf die Idee kommen können, das da vielleicht noch was anderes hinter steckt? Meine Lehrer?? Meine Eltern??? Irgendwer????

Ich habe gerade mit meiner Schwester darüber gesprochen – und erwähnt, das mich schon mal interessieren würde was denn bei diesen ganzen Elternsprechtagen so angesprochen wurde. Ihr Kommentar: „Das wäre interessant – Aber meinst, da bekommst von unseren Eltern eine Sinnvolle Antwort drauf?“ Ich möchte nichts unterstellen. Aber ich fürchte, die Antwort lautet: „Leider nicht.“

Ich selbst kann mich an die Schulzeit leider nur noch sehr bruchstückhaft erinnern. Manchmal glaube ich, die Zeit ist irgendwie wie im schnelldurchlauf vergangen. Aber heute – 32 Jahre, nachdem ich eingeschult wurde; 22 Jahre nachdem ich die Realschule abgeschlossen habe; 18 Jahre nachdem ich meine Lehre als Telekommunist abgeschlossen habe, frage ich mich trotzdem:

Was wäre, wenn ….

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2 Gedanken zu “Was wäre, wenn ….

  1. Hallo Mark.
    Das kann ich gut nachvollziehen diese Frage nach dem „Was wäre wenn…“. Für mich eine Form der Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal, auch um es später irgendwann annehmen zu können. Wird vermutlich noch öfter auf den Tisch kommen und ist auch normal.
    Aber weder die Frage an sich, noch eine Antwort darauf ändert etwas an der Situation, in der Du jetzt bist. Versuch dich nicht darauf zu konzentrieren, was hätte sein können, sondern auf das was jetzt ist und sein soll. Es gibt da diesen Spruch, der eigentlich ziemlich banane ist, jedoch einen wahren Kern enthält:
    „Hätte, Wenn und Wäre liegt neben Könnte auf dem Friedhof.“
    Was aber nicht heißt, dass man sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen soll.

    Immerhin hast du es trotz deiner „Auffälligkeiten“ im Unterricht (ob es nun ADS ist/war oder nicht spielt doch für das Jetzt keine Rolle) geschafft, die Schule ohne Sitzenbleiben zu beenden, eine Ausbildung durch zu ziehen und in einem Beruf zu arbeiten. Viele schaffen das nicht. Du hast wahrscheinlich schon damals irgendwelche Strategien entwckelt, die dir dabei geholfen haben, mit deiner Träumerei und der Unkonzentriertheit klarzukommen und trotzdem einigermaßen erfolgreich zu sein. Diese Strategien scheinen auch lange und einigermaßen gut funktioniert zu haben, waren jedoch vielleicht auch auf lange Sicht gesehen vielleicht zerstörerisch oder wurden fallengelassen, was evtl. zu deiner jetzigen Lage beigetragen hat.
    Es ist meiner Ansicht nach egal, was sich die Herren und Damen Weißkittel für Namen für deine „Symptomatik“ ausdenken. Der Diagnoseschlüssel ist eigentlich nur für die Krankenkasse wichtig.
    Letztlich ist es doch das für dich Entscheidende, dass du dir jetzt ein anderes Verhalten aneignen willst, was dich nicht mehr kaputt macht. Die Aufgabe der Ärzte und Psychonauten ist es, dich dabei anzuleiten und dich zu unterstützen. Und anhand deiner Reflektion in deinen Beiträgen und deinem „Positiv-Tagebuch“, merkt man, dass du dich gut auf die Hilfe einlassen kannst.

    Ich wünsche dir, dass du weiter am Ball bleibst und dich durch diese Anstrengung, gegen die Depression zu kämpfen, mit allen Höhen und Tiefen, nicht mürbe machen lässt!
    Viele Grüße,
    Wupperwasser

  2. Huhu Wupperwasser,
    Erstmal ein liebes Danke für deinen Kommentar 🙂 Wie schon geschrieben – ich hatte das nicht um des jammerns willen geschrieben – auch wenn mich die Frage „Was hätte denn gewesen sein können…?“ schon noch irgendwo beschäftigt. Zumindest ein klein wenig. 🙂
    Das „Problem“ ist ja: Wir alle können nicht in die Gedanken anderer Menschen schauen. Also neigt man dazu, seine eigenen, geistigen Trampelpfade als „normal“ zu definieren. Um mal ein reales Beispiel zu nehmen: Auf der Arbeit (und auch meiner Tätigkeit als Betriebsrat) habe ich des Öfteren z.B. mit Gesetzestexten zu tun. Die sind ja nicht unbedingt in einer Sprache geschrieben, die man als allgemeinverständlich definieren kann. Mich schon auf das lesen solcher Texte zu konzentrieren ist schwierig, Verstehen noch schwieriger. ich habe dabei sehr oft das Gefühl, das verstehen befindet sich gerade so außerhalb meiner Reichweite. Teilweise habe ich dann Stunden oder Tage oder sogar noch viel später einen Geistesblitz, der mir dann beim verstehen so eines Textes hilft. Obwohl ich nicht zwangsläufig bewusst über die Problematik nachgedacht habe. Wenn ich jetzt z.B. Anwalt wäre, hätte ich vermutlich den falschen Beruf :D. Aber: Ist der Anwalt jetzt intelligenter – und ich zu blöde für so etwas? Wenn man keine alternative zu diesem Gedanken hat, wird man zwangsläufig auf solche Gedanken kommen. Aber wie getippert: Nur ein Beispiel 🙂

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