Behindert? Na und!

Die Idee zu diesem Artikel geistert mir schon eine ganze Weile durch den Kopf – aber ich wusste nie, wie ich nun eigentlich Anfangen sollte. Eigentlich wollte ich auch etwas über Inklusion schreiben, was ja momentan recht häufig durch die Medien geistert – aber ich fange mal klein an. Bei mir – und meinem Umfeld.
Zumindest hier im Blog, auf Twitter, aber auch in meinem engeren Bekanntenkreis gehe ich mit meinen psychischen Problemen eher offensiv um. Ich habe keine Probleme zu sagen, das ich eben einen an der Waffel habe … oder mir ein paar Latten am Zaun fehlen. Einfach, weil mir dieses betretene Schweigen auf den Wecker fällt, was auf Offenbarungen wie „Ich habe psychische Probleme.“ meist folgt. Leben muss ich mit meinen Einschränkungen – sie sind nun einmal ein Teil von mir – also warum nicht mit Humor nehmen?
<blockquote>Wenn dir das Leben wieder nur Zitronen um die Ohren haut …
Nimm Salz & Tequila dazu!</blockquote>
Nüchtern betrachtet habe ich eine Fußhebeschwäche (Überbleibsel eines Bandscheibenvorfalls), die sich hauptsächlich dadurch äußert, das ich beim Treppen steigen besser gut aufpasse und mich am Geländer festhalte – ansonsten bin ich sehr viel schneller wieder unten als geplant. Und natürlich tauge ich – dank der Sollbruchstelle im Rücken – nicht mehr als Lastenesel. Auch beim Sport muss ich aufpassen – Zu starke Stöße/Stauchungen auf die Wirbelsäule sollten unterbleiben. Also mit anderen Worten: Ich hätte es wesentlich schlimmer treffen können.
Psychisch schaut es da schon etwas anders aus – zumindest nehme ich das deutlicher als Einschränkung wahr. Depressionen & Angststörungen mit ihren Begleitumständen, wie z.B. Konzentrationsproblemen, Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen, Motivationsproblemen, mangelndes Selbstvertrauen und, und, und …
Letztes Jahr – nachdem ich einen entsprechenden Antrag ausgefüllt und abgeschickt hatte – bekam ich dann irgendwann Post, in dem Stand: Sie haben jetzt einen anerkannten Grad der Behinderung (GdB). „Tja … ist dann so. Nu bin ich also offiziell behindert.“ dachte ich mir. Nach dem öffnen des Briefes war ich schließlich kein anderer. Dachte ich zumindest.
Im Bekanntenkreis habe ich  – soweit ich es denn bekannt gemacht habe – keine besonderen Erfahrungen gemacht. Darunter ist zum Beispiel jemand, der es durchaus schlimmer getroffen hat.
Im Familienkreis war ich dann aber doch etwas überrascht. Die Reaktionen fielen doch recht unterschiedlich aus. Teilweise wurde das Kommentarlos aufgenommen, ein wenig Unverständnis, bei anderen hatte ich den Eindruck, ich hätte jetzt einen Stempel „B-Ware“ auf der Stirn. Da wurde mir vorgeworfen, ich würde damit Werbung machen … und am besten hält man das ja sowieso geheim … und überhaupt. Einerseits wird einem vorgeworfen, man würde zu wenig von sich erzählen – und wenn man dann mal etwas erzählt (zum Beispiel etwas, womit man eben KEINE Werbung macht – was ja auch irgendwo ein Zeichen von Vertrauen sein sollte), dann ist das auch wieder falsch. Verstehe einer die Welt … ?!
Manche Leute setzen Behinderung offenbar immer noch gleich mit „hilflos“, „schwachsinnig“ oder „dämlich“ gleich. Auch als Schimpfwort ist es durchaus noch geläufig. Was auch immer noch für Vorurteile in manchen Köpfen rumspuken – Niemand hat „Hier!“ geschrien, als Beeinträchtigungen welcher Art auch immer verteilt wurden.
Als kleines Schlusswort: Ich grübele jetzt schon eine Woche an dem Artikel herum, ändere etwas, formuliere ein wenig um … Ich lasse ihn jetzt so – was ich sagen wollte, habe ich gesagt. Mit kleinen Ausnahmen abgesehen denke ich aber, vom „Traumziel Inklusion“ sind wir noch weit, weit entfernt. Viele Leute scheitern leider schon an der Akzeptanz.
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2 Gedanken zu “Behindert? Na und!

  1. Ohhhh, ein schwieriges Thema!!!!!
    SEHR schwierig!!!
    Entweder Leute reagieren mit „Pah, so schlecht gehts dir garnicht, ist das nicht ein wenig übertrieben?“ oder eben -wie du schreibst- du bist jetzt B-Ware. Die wenigsten können damit umgehen!
    warum??? Keine Ahnung!
    Meine Mutter hat schwere Diabetis. Sie hat einen Behindertenauweiß – finde ich gut!
    Mein Vater hatte im Endstaduim seiner Krebserkrankung einen Behindertenausweiß. Richtig. So konnte er wenigstens direkt vor dem Krankenhaus parken und mußte in seinem Zustand nicht ewig Parkplatz suchen und dann weit laufen.
    Eine Freundin hatte einen schweren Unfall mit Rückenverletzung – kein Behindertenstatuts bekommen. Nennt sich selbst aber „behindert“ – da tu ich mir dann auch immer schwer.
    Keine Ahnung, was will ich hier eigentlich sagen?!
    Es ist ein schwieriges Thema!!!

    • Jupp, es ist ein schwieriges Thema – Ich hätte auch noch ne Woche umformulieren können, ohne wirklich zufrieden zu sein.
      Aber noch ein Einwurf zum Behindertenausweis: Den bekommt nicht jeder, der auch einen „anerkannten Grad der Behinderung“ hat. Ich habe zum Beispiel keinen. Im Falle deiner Eltern lag es vermutlich daran, das sie beide als „Gehbehindert“ eingestuft wurden. Dafür gibt es dann wieder objektive Kriterien – bei denen ich durchaus froh bin, das ich die nicht erfülle.
      Deine Freundin ist vielleicht nicht als Gehbehindert anerkannt – und hat deswegen keinen Ausweis bekommen – aber das heißt nicht, das sie nichts nachbehalten hat. Einschränkungen der Beweglichkeit, auf Lebenszeit darauf achten welche Bewegungen man noch machen darf, Fußhebe-Schwächen … Möglichkeiten gibt es viele. Aber es ist – wie schon gesagt – ein schwieriges Thema 🙂

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